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Weihnachtsbotschaft des Ökumenischen Patriarchen(25/12/2008)

Weihnachtsbotschaft des Ökumenischen Patriarchen(25/12/2008)

Weihnachtsbotschaft des Ökumenischen Patriarchen
+  B A R T H O L O M A I O S
durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch
allem Volk der Kirche Gnade, Friede und Erbarmen
von Christus, unserem in Bethlehem geborenen Erlöser


Geliebte Brüder und Kinder im Herrn,

aufgegangen ist der große, heilige Tag der Geburt Christi, die Mutter und der Ursprung aller Feste. Dieser Tag lädt uns alle ein, uns aufzumachen und dem entgegenzueilen, der, wenngleich er „der Alte an Tagen" ist, für uns ein Kindlein geworden ist.

„Nach dem Wohlgefallen Gottes des Vaters", sagt der hl. Johannes von Damaskus, steigt „der eingeborene Sohn, das Wort Gottes und Gott, der an der Brust des Vaters ruht, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist Wesenseine, der Vorewige, der Anfanglose" zu uns, seinen Knechten, herab „und wird, obwohl er der vollkommene Gott ist, der vollkommene Mensch; und so vollzieht sich dasjenige, was von allem Neuen das Neueste ist, das einzig Neue unter der Sonne". Diese Fleischwerdung des Sohnes Gottes ist, anders als die Verleiblichungen der unter vielen Namen bekannten Götter der Mythologie, kein Symbolismus, sondern eine Wirklichkeit, ja vielmehr eine neue Wirklichkeit, das einzig Neue unter der Sonne. Dieses Neue hat sich in einem konkreten historischen Augenblick unter der Herrschaft des Kaisers Augustus Octavianus um das – unter Berücksichtigung der neuen astronomischen Erkenntnisse neu bestimmte – Jahr 746 nach Gründung der Stadt Rom, inmitten eines bestimmten Volkes, des Volkes der Juden, „aus dem Haus und Geschlecht Davids" (Lk 2,4), an einem bestimmten Ort, in Bethlehem in Judäa, und mit einem sehr konkreten Ziel zugetragen, einem Ziel, das der hl. Athanasius der Große in epigrammatischer Kürze so formuliert: „Er wurde Mensch, damit wir Gott werden".

Dieses Ereignis der Menschwerdung des göttlichen Wortes eröffnet uns die Möglichkeit, daß wir den Gipfel des uns Bestimmten wirklich erreichen. Dieser Gipfel ist nicht das griechisch-klassische „Kalokagathon", die „Schöngutheit". Er ist nicht die „Tugend" und die Gerechtigkeit der Philosophen, nicht die Stille des buddhistischen „Nirvanas", nicht die Überwindung des unentrinnbaren vorbestimmten Schicksals, oder des im vielbeschworenen Wandel der aufeinanderfolgenden wechselnden Gestalten des Lebens identisch bleibenden sogenannten „Karma", nicht die „Harmonie" der angeblich gegensätzlichen Elemente einer phantastischen „Lebenskraft", noch irgendetwas anderes dieser Art. Dieser Gipfel ist vielmehr die unser Sein in der Tiefe betreffende Überschreitung der Vergänglichkeit und des Todes durch Christus, unsere Versetzung in sein göttliches Leben und seine Herrlichkeit, jene gnadenhafte Vereinigung, durch die er uns im Heiligen Geist mit dem Vater vereint. Das ist der Gipfel des uns Bestimmten: unsere personale Vereinigung mit dem Dreieinigen Gott. Die Geburt Christi verheißt uns nicht eine trügerische Seligkeit oder eine abstrakte Ewigkeit. Vielmehr bietet sie uns unmittelbar die reale Möglichkeit personaler Teilhabe am Leben und an der Liebe Gottes, und das in der Weise einer Steigerung, die niemals endet. Sie schenkt uns nicht nur die Möglichkeit, „die Gottessohnschaft zu erlangen" (Gal 4,5), sondern „Teilhaber der göttlichen Natur" (2 Petr 1,4) zu werden.

In der weltumfassenden Verwirrung und Krise unserer Tage hören sich diese Wahrheiten allerdings merkwürdig an. Die Hoffnungen der meisten, die sich auf innerweltliche „Gottheiten" richten, werden alltäglich auf elende Weise zunichte. Die Person des Menschen wird erniedrigt und vernichtet unter all den Zahlen, Maschinen, Rechnern, Finanzinstituten und farbenprächtigen Flaggen einer leeren ideologischen Aktualität. Der Natur wird Schmach angetan. Die Umwelt leidet mit. Die Jugend wird enttäuscht und erhebt Protest wegen der Ungerechtigkeit der Gegenwart und der Ungewissheit der Zukunft. „Finsternis, Dunkel, Aufruhr, lautes Geschrei" (Dt 4,11) beherrschen unsere Welt, und es verbreitet sich der Eindruck, daß sich das Licht der in Bethlehem aufgegangenen Hoffnung zu verbergen und der Hymnus der Engel über die Freude der ganzen Welt „Herrlichkeit Gott in den Höhen und Friede auf Erden und den Menschen Wohlgefallen" (Lk 2,14) übertönt zu werden droht. Die Kirche jedoch, die alle zur besonnenen Sammlung, zur Wiedergewinnung der Wertschätzung der maßgeblichen Prioritäten des Lebens und zur Suche nach den Spuren des jedes Respektes werten Bildes Gottes im Angesicht eines jeden „anderen" ermahnt, wird nicht aufhören, mit all ihrer Kraft, die ihr die über zweitausendjährige Erfahrung schenkt, zu verkünden, daß das in der Krippe von Bethlehem liegende Kind „die Hoffnung der ganzen Welt", das „Wort" und die Vollendung des Lebens, die Erlösung ist, die Gott seinem Volk, d. h. der gesamten Menschheit, geschickt hat.

Dieses verkündigen wir in großer Liebe vom Märtyrersitz der heiligen Großen Kirche Christi in Konstantinopel den Kindern des Ökumenischen Patriarchates in der ganzen Welt und jedem Menschen, den es nach Gott verlangt. Auf alle rufen wir das Wohlgefallen, den Frieden, die Gnade und die heilsame Gabe des für uns und zu unserem Heil aus den Himmeln herabgestiegenen und aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria Fleisch und Mensch gewordenen eingeborenen Sohnes Gottes herab.

Ihm sei die Herrlichkeit, die Macht, die Ehre und die Anbetung samt dem Vater und dem Heiligen Geist in Ewigkeit. 


Phanar, Weihnachten 2008

+ Bartholomaios von Konstantinopel,
euer aller inständiger Fürbitter bei Gott